DGB: Mehr Untertitel im Fernsehen

Quelle vom DGB e.V. – 01. Februar 2012

Mehr Untertitel im Fernsehen –

vorbildliche Zusammenarbeit des NDR mit den Gehörlosenverbänden

Im Rahmen des Projekts “Barrierefreier Rundfunkzugang” beim NDR gibt es seit zwei Jahren eine enge Zusammenarbeit zwischen dem NDR und den norddeutschen Gehörlosen- und Schwerhörigenverbänden. Auch der Deutsche Gehörlosen-Bund ist mit seinem 2. Vizepräsidenten, Alexander von Meyenn, mit dabei. Alexander von Meyenn arbeitet zudem in der bundesweiten Arbeitsgruppe Sign-Dialog für mehr Bildung durch Untertitel.

Der Gehörlosen-Verband Schleswig-Holstein hat in Zusammenarbeit mit dem DGB einen Bericht über die Untertitelsituation beim NDR geschrieben, den Alexander von Meyenn als Gebärdenvideo produziert hat:

  • Bericht in Textform
  • Bericht als Gebärdenvideo
  • Linksammlung zur Untertitelung beim NDR

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, ARD und NDR:

In Deutschland gibt es private Fernsehsender (z.B. RTL, SAT 1, Pro Sieben und VOX), die sich überwiegend durch Werbeeinnahmen finanzieren. Daneben gibt es die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ZDF und ARD, die einen gesetzlichen Programmauftrag haben. Öffentlich-rechtliche Sender finanzieren sich im Wesentlichen aus Rundfunkgebühren. Die ARD ist ein Zusammenschluss von neun Landesrundfunkanstalten, die gemeinsam das Erste und die Dritten Programme (z.B. Bayerischer Rundfunk, Westdeutscher Rundfunk und Norddeutscher Rundfunk) produzieren. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) mit Sitz in Hamburg ist für die Länder Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern zuständig. Er produziert Sendungen für das NDR-Fernsehen im Dritten und liefert ca. 17 % des Programmangebots des Ersten zu (z.B. Tatort, Großstadtrevier, Anne Will, Günther Jauch und Plusminus). Auch die ARD-aktuell-Redaktion (Tagesschau, Tagesthemen, Nachtmagazin) ist beim NDR in Hamburg angesiedelt.


Projekt „Barrierefreier Rundfunkzugang“ beim NDR:

Als öffentlich-rechtlicher Sender möchte der NDR sein Fernsehprogramm auch Menschen mit Behinderung zugänglich machen, also möglichst „barrierefrei“ senden. Er bietet deshalb Untertitel für Hörgeschädigte sowie Hörfilme für Blinde und Sehgeschädigte an. Seit Dezember 2009 gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen dem NDR, dem Deutschen Gehörlosen-Bund und den Gehörlosenverbänden der vier norddeutschen Bundesländer. Ebenso kooperiert der NDR mit den Schwerhörigenverbänden und den Verbänden blinder und sehgeschädigter Menschen. Um die Zugänglichkeit des NDR-Fernsehprogramms für Menschen mit Hör- bzw. Sehbehinderung zu verbessern, wurde im NDR eigens das Projekt „Barrierefreier Rundfunkzugang“ eingerichtet. In den letzten zwei Jahren waren Vertreter der Gehörlosenverbände bereits sechsmal zum Informationsaustausch nach Hamburg eingeladen und konnten dabei zweimal die Untertitelredaktion besuchen. Auch der Intendant des NDR, Lutz Marmor, nahm sich schon zweimal die Zeit für ausführliche Gespräche mit den Behindertenverbänden. Die Gespräche mit dem NDR verlaufen in einer angenehmen und offenen Atmosphäre. Für die gehörlosen und schwerhörigen Teilnehmer werden selbstverständlich Gebärdensprachdolmetscher und Schriftdolmetscher bereitgestellt.


Bisherige Fortschritte beim NDR:

In den zwei Jahren der Zusammenarbeit wurde nicht nur geredet, sondern auch gehandelt. Hier einige Beispiele für die bisher erzielten Fortschritte:

  • Einführung einer neuen Untertitelungsanlage mit der Möglichkeit zur Live-Untertitelung (z.B. bei NDR aktuell und Das!)
  • Aufstockung des Personals in der Untertitelredaktion
  • Verdoppelung der Untertitelquote im NDR-Fernsehen von durchschnittlich 18 Prozent (2009) auf 38 % (2011); neu untertitelt werden z.B. Markt, Landpartie, mareTV und Visite
  • Produktion einiger Musikvideos in Gebärdensprache für das Internet
  • Vereinheitlichung der Untertitelstandards innerhalb der ARD (Schriftgröße, Farben usw.)
  • Der NDR hat die Federführung einer ARD Projektgruppe Barrierefreiheit übernommen.

Weitere Planungen des NDR:

  • unabhängig von Gebührenaufkommen und Sparprogrammen gibt es im Bereich Barrierefreiheit für 2012 keine finanziellen Kürzungen!
  • stufenweise Erhöhung der Untertitelquote für das Dritte (im Jahr 2013 über 50%, auch danach ist noch ein weiterer Ausbau vorgesehen)
  • Untertitelung aller NDR-Neuproduktionen für das Erste bis Ende 2013
  • untertitelte Sendungen sollen im Verlauf des Jahres 2013 mit Untertiteln in der Mediathek abrufbar sein (wie bisher schon beim WDR)
  • ab 2013 sollen auch einzelne Sendungen mit Gebärdenspracheinblendung in die ARD-Mediathek gestellt werden (z.B. Tagesschau und ein politisches Magazin)
  • Fortsetzung der Zusammenarbeit mit den anderen Landesrundfunkanstalten innerhalb der ARD: Bis Ende 2013 sollen alle Neuproduktionen für das Erste untertitelt sein. Da viele Wiederholungen bereits untertitelt sind, ergibt sich dadurch für das Erste nach und nach eine Untertitelquote von 100 Prozent.

Neues Rundfunkbeitragsmodell ab 2013:

Bislang ist die Rundfunkgebühr geräteabhängig. Das heißt: Jeder, der ein Radio- oder Fernsehgerät hat, ist zur Zahlung der Gebühr verpflichtet. Hör- und Sehbehinderte mit dem Merkzeichen „RF“ im Schwerbehindertenausweis werden auf Antrag vollständig von den GEZ-Gebühren befreit. 2013 wird ein neues Beitragssystem eingeführt. Dann wird es nur noch einen Beitrag pro Haushalt geben. Aus der geräteabhängigen Rundfunkgebühr wird der sogenannte „Rundfunkbeitrag“ (egal ob man Radio, Fernsehen und entsprechende Internetangebote nutzt oder nicht). Dann sollen auch Behinderte mit Merkzeichen „RF“ einen anteiligen Beitrag von rund einem Drittel (also circa sechs Euro pro Monat) bezahlen. Laut Protokollerklärung der Länder zum 15. Rundfunkänderungsstaatsvertrag soll damit die Finanzierung barrierefreier Angebote erleichtert und das entsprechende Angebot ausgeweitet werden. Noch weiß niemand, ob den Sendern nach der Umstellung ab 2013 tatsächlich mehr Gelder zur Verfügung stehen werden. Die von NDR und ARD geplanten Erweiterungen der barrierefreien Angebote sollen jedoch unabhängig von der finanziellen Entwicklung der Sender umgesetzt werden.


Untertitelqualität:

Bei der Untertitelqualität muss zwischen vorproduzierten Untertiteln (z.B. bei Filmen) und Live-Untertiteln (z.B. bei Talkshows oder Interviews) unterschieden werden.

Mit den vorbereiteten Untertiteln beim NDR sind die Hörgeschädigtenverbände im Großen und Ganzen sehr zufrieden. Sie sind gut lesbar und nahezu vollständig. Anders als früher werden z.B. Schimpfwörter heute nicht mehr weggelassen.

Kritik gibt es nach wie vor an der Live-Untertitelung. Hier kommen die Untertitel teils gar nicht oder verspätet bzw. stark verkürzt. Seit Einführung der neuen Untertitelungsanlage im Jahr 2010 ist beim NDR eine Verbesserung zu beobachten. Leider gilt dies noch nicht für die Untertitel bei der Tagesschau, die direkt von ARD-aktuell produziert werden.

In der Arbeitsgruppe Sign-Dialog des Deutschen Gehörlosen-Bundes haben taube Fachleute Untertitelrichtlinien entwickelt, die mit anderen Hörgeschädigtenverbänden und den Sendern der ARD abgestimmt werden sollen. Zwischen den Hörgeschädigtenverbänden und der ARD besteht Einigkeit, dass Untertitel nach Möglichkeit ungekürzt wiedergegeben werden. Da die Sprechgeschwindigkeit allerdings höher als die Lesegeschwindigkeit ist, lassen sich Umformulierungen und sprachliche Kürzungen nicht vermeiden. Dennoch soll der Inhalt jeweils vollständig und zeitnah wiedergegeben werden. Gemeinsam mit anderen Landesrundfunkanstalten arbeitet der NDR daran, diesem Ideal näher zu kommen.


Unterschiedliche Nutzer – unterschiedliche Wünsche:

Grundsätzlich haben nicht alle hörgeschädigten Nutzer von Untertiteln die gleichen Interessen. Es gibt schwerhörige, ertaubte und gehörlose Zuschauer verschiedener Altersgruppen und mit unterschiedlicher Sprach- und Lesekompetenz. Die einen wünschen sich leicht verständliche Untertitel mit langen Standzeiten, andere möchten möglichst den vollständigen Text in Originalgeschwindigkeit. Der NDR muss hier wie alle Fernsehanstalten Kompromisse machen und orientiert sich an der durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit der Zuschauer (ca. 13 Zeichen pro Sekunde).

Auch wenn sich einzelne Zuschauer sprachliche Vereinfachungen wünschen, fordern die Gehörlosen- und Schwerhörigenverbände, bei der Untertitelung möglichst immer den Sprachstil zu erhalten (z.B. Redewendungen, Fremd- und Modewörter). Die Verbände sehen dies als Chance für Gehörlose, auch neue Wörter zu lernen und einen vollständigen Informationszugang zu erhalten. In den vergangenen Jahren haben sich viele Gehörlose bereits an die anspruchsvollen und schnellen Untertitel bei Filmen auf DVD gewöhnt. Wir meinen, dass sich dadurch auch die Lesegeschwindigkeit trainieren lässt.

 


Hintergrundinformationen, Kritik und Verbesserungsvorschläge:

Neben diesem DGS-Film und einer entsprechenden Textfassung haben wir eine „Linksammlung zur Untertitelung bei ARD und NDR“ zusammengestellt, wo Sie Hintergrundinformationen und wichtige Kontaktadressen finden.

Die Gehörlosenverbände stimmen ihre Vorschläge zur Verbesserung der Untertitelqualität untereinander sowie mit dem Deutschen Schwerhörigenbund und der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten – Selbsthilfe und Fachhilfe ab. Uns ist es wichtig, gegenüber den Fernsehsendern eine möglichst einheitliche Position zu vertreten. Gehörlose Zuschauer mit grundsätzlicher Kritik oder Verbesserungsvorschlägen möchten wir deshalb bitten, sich immer auch an ihren Landesverband oder den Deutschen Gehörlosen-Bund bzw. Sign-Dialog zu wenden. Wir werden Ihre Anregungen gerne sammeln, intern diskutieren und dann den betreffenden Fernsehanstalten vortragen. Nur gemeinsam sind wir stark!

Den gesamten Text können Sie hier herunterladen .

Die komplette Linksammlung finden Sie hier .

 

GLV SHGehörlosen-Verband Schleswig-Holstein e.V.
Hasseer Str. 47, 24113 Kiel Telefon: 0431 / 6 43 44 68 Telefax: 0431 / 68 88 52 Internet: www.gv-sh.de,  E-Mail: info@gv-sh.de

Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.

 

Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.
Am Zirkus 4, 10117 Berlin Telefon: 089 / 99 26 98 -95 Telefax: 089 / 99 26 98 -895 Internet:www.gehoerlosen-bund.de, E-Mail: info@gehoerlosen-bund.de


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